Für ihre Leistung in dem düsteren Serienkiller-Drama Holy Spider wurde Zar Amir Ebrahimi 2022 in Cannes mit dem Preis für die Beste Darstellerin ausgezeichnet; ein Wendepunkt in ihrer Karriere nach Jahren des Exils. Auch in ihrem jüngsten Part einer armenischen Reiseleiterin in Tamara Stepanyans In the Land of Arto beweist die französisch-iranische Schauspielerin neben dem emotionalen Spektrum ihrer Darstellung erneut ihr Engagement für sozial relevante Geschichten. Die französisch-armenische Co-Produktion über die komplexen Nachwirkungen des Genozids feiert seine Weltpremiere als Eröffnungsfilm der 78. Ausgabe des Festivals von Locarno auf der Piazza Grande. Im Interview mit Lidanoir spricht Zar Amir Ebrahimi über den Schatten des Krieges, die Dreharbeiten on the road und ihre persönliche Verbindung zu ihrer Filmfigur.
In Mare’s Nest zerfallen Genre-Konventionen unter der philosophischer Perspektive Ben Rivers. Dessen neuestes Werk, das im Wettbewerb des 78. Film Festivals von Locarno Premiere feiert, verwebt literarische und persönliche Inspiration zu der futuristischen Vision einer Welt ohne Erwachsene. Ganz auf sich gestellt erkundet die kindliche Heldin eine Landschaft, in der Begriffe und Naturelemente verschwinden. Im Gespräch mit Lidanoir erzählt der britische Filmemacher von der Kreation seiner jungen Hauptfigur Moon gemeinsam mit deren gleichnamiger Darstellerin, einem Filmdreh ganz entgegen Hitchcocks Gebot, nie mit Kindern zu arbeiten, und der komplexen Genesis einer Geschichte zwischen Utopie und Dystopie.
Mit ihrem Langfilmdebüt Ne gledaj mi u pijat setzte Hana Jušić 2016 ein kraftvolles Zeichen im europäischen Autorenkino. Neun Jahre später meldet sich die kroatische Regisseurin mit God Will Not Help eindrucksvoll zurück. Das im Hauptwettbewerb des 78. Filmfestivals von Locarno uraufgeführte Drama spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in einer abgeschiedenen Hirtengemeinschaft in den Dinara-Bergen. Die Ankunft der geheimnisvollen Chilenin Teresa bringt die festgefügten Hierarchien ins Wanken. und öffnet Fragen nach Zugehörigkeit, Macht und Solidarität. Im Gespräch mit Lidanoir vor Rat in Locarno spricht Jušić über ihre Faszination für komplexe weibliche Figuren, den herausfordernden Dreh in der harschen Landschaft und den Balance-Akt zwischen Mystizismus und Realismus.
Vom düsteren Genre-Film bis zum sensiblen Drama hat Miguel Ángel Jiménez in seinem filmischen Schaffen eine bemerkenswerte Vielseitigkeit gezeigt. Sein neuestes Werk The Birthday Party fügt dem mit seiner visuellen Opulenz eine neue Facette hinzu. Basierend auf Panos Karnezis gleichnamigem Roman entfaltete sich das opulente Familiendrama an dem langen Abend der titelgebenden Party, die ein griechischer Tycoon für seine Tochter abhält. Willem Dafoe spielt die Hauptrolle in der modernen Tragödie, die in Locarno ihre Weltpremiere feiert. Vor Ort auf dem Festival sprach der Regisseur mit Lidanoir über die Arbeit mit seinem Star, reale Vorbilder des Hauptcharakters und die Schattenseiten der Macht.
Nach Undine und Roter Himmel legt Christian Petzold nun mit Miroirs No. 3 den dritten und abschließenden Teil seiner Elemente-Trilogie vor. Das gleichermaßen tragische und hoffnungsvolle Drama vereint den Regisseur erneut mit einer Riege an Stammdschauspielenden. Darunter auch Paula Beer, die in ihrer Rolle unerwartet Teil einer angeschlagenen Familie wird. Petzold wendet sich erneut Figuren zu, die zwischen Realität und Projektion, Erinnerung und Gegenwart oszillieren. Im Gespräch mit Lidanoir spricht der Regisseur über die Entstehung seines Werks, musikalische und märchenhafte Inspiration sowie die Kunst, eine Kussszene auf dem Lidl-Parkplatz zu drehen. Hört rein!
Schwierige weibliche Charaktere faszinieren sie, sagt Nina Knag. Die norwegische Regisseurin übernimmt in ihrem ambivalenten Spielfilm-Debüt, das im Wettbewerb von Karlovy Vary seine Premiere feiert, die Perspektive einer solchen Figure. Don't Call Me Mama beobachtet die Affäre einer privilegierten älteren Bürgermeister-Gattin mit einem geflüchteten syrischen Teenager. Als die Gefühle der Protagonistin für den knapp volljährigen Amir (Tarek Zayat) abkühlen, zeigt sich das ungleiche Machtverhältnis zwischen beiden. Pia Tjelta wurde für ihre Verkörperung der problematischen Figur in Karlovy Vary als Beste Darstellerin ausgezeichnet. Vor Ort auf dem Festival nahm sich Nina Knag Zeit für ein Gesprch mit Lidanoir über brüchige Moral, die reale Inspiration ihres Films und dessen politische Untertöne.
Die flüchtigen Momente, die im Alltag vorbei rauschen, sind die Essenz João Rosas (Maria do Mar) filmischen Schaffens. In seinem Spielfilm-Debüt begleitet der portugiesische Regisseur den jungen Protagonisten von dreien seiner Kurzfilme nun ins Erwachsenenleben. Der verträumte Erzählton, die malerische Stadtkulisse Lissabons und sein charakteristischer Stil poetischen Realismus prägen die Collage melancholisch-süßer Vignetten um die Suche nach Liebe, einer Lebensrichtung und Sinn. In Karlovy Vary, wo The Luminous Life prompt in den Wettbewerb gelangte, sprach der Regisseur mit Lidanoir über das gesellschaftliche Milieu seiner Geschichte, Liebe und Romantik als deren treibende Kraft und warum er "einen leuchtenden Film für düstere Zeiten" schaffen wollte.
Ihre eigenen Erinnerungen und die gewaltsam verdrängte Geschichte Palästinas prägen Cherien Dabis’ filmischen Schaffen, in de ihr jüngstes Werk auch ihr persönlichstes darstellt. All That’s Left of You entfaltet sich von der Nakba 1948 über die Intifada bis in eine Gegenwart unter Besatzung als mehrstimmiges Epos dreier Generationen einer palästinischen Familie. In jener übernahm die Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin selbst die Rolle der Erzählerin, deren Bericht die Zeitebenen verbindet. In Karlovy Vary, wo das in Sundance uraufgeführte Drama seine Europa-Premiere feiert, sprach Cherien Dabis mit Lidanoir über die Gefahren und logistischen Herausforderungen des Drehs, die Zusammenarbeit mit drei Mitgliedern des Bakri-Schauspielklans (Mohammad, Saleh und Adam) und Erinnerung als Form des Widerstands.
Provokante politische Positionen, ob unterschwellig oder unmittelbar, durchziehen Michel Francos (Memory) filmisches Werk. Das gilt auch für seinen jüngstes Werk. Dreams zeigt die angespannte Beziehung einer wohlhabenden weißen US-Amerikanerin und eines jungen mexikanischen Ballett-Tänzers ohne Aufenthaltspapiere. Nach seiner Premiere im Wettbewerb der Berlinale läuft das brutale Beziehungsdrama um Machtgefälle, moralische Fallstricke und die Grenzen der Liebe in Karlovy Vary. In dessen Trouble fand der mexikanische Regisseur Zeit für ein Gespräch mit Lidanoir über die beklemmende Aktualität seines Films, die erneute Zusammenarbeit mit Hauptdarstellerin Jessica Chastain und seine Vorliebe für ambivalente Charaktere.